So 16. Jun 2013, 16:31
Hallo Alex,
ich versuche mal, Schritt für Schritt auf Deinen Beitrag einzugehen:
Ja, es stimmt, bereits seit einigen Jahren gibt es Reservatsschulen, die indianische Sprachen unterrichten. Aber das sind doch immernoch nur wenige Einzelfälle im Vergleich zur Gesamtzahl der vorhandenen Schulen. Und WAS wird dort unterrichtet? Doch nur die Sprachen, für die es eben noch genügend Lehrer gibt und die eben auch zu dem entsprechenden Reservat gehört. Wenn man hier Indianerbegeisterte Menschen fragt, die von sich sagen "ich kann auch `indianisch´", so sprechen diese Menschen meist Lakota. Ich selbst kann es nicht, aber offensichtlich gibt es dazu eine Menge Lehrmaterial. Warum aber sollte z.B. ein Tlingit auf einmal Lakota lernen? Bloss weil es darüber Lehrmaterial gibt, über Tlingit aber nicht? Das macht doch keinen Sinn. Aber unterrichtet und somit zur Schulunterricht erhalten werden kann doch nur, wozu es auch entsprechende Informationen gibt. Da kann so eine Reservatsschule noch so sehr mit dem Fuss aufstampfen und sagen: "Wir wollen aber die Sprache unserer Reservatsbewohner erhalten", wo kein Lehrer, da kein Unterricht.
Und selbst wenn ... nehmen wir mal Apachen: Da gibt es verschiedene Reservate, aber in diesen Reservaten leben verschiedene Apachen ... mit einem teilweise durchaus drastisch unterschiedlichen Dialekt. Welchen Dialekt soll man dann unterrichten? Glaubst Du, hier würden sich bayrische Eltern freuen, wenn auf einmal norddeutsches Platt als Pflichtschulfach angesetzt würde? Wohl kaum. Und da sind Indianer nicht anders.
Deiner Meinung nach hätten sich Indianer ja insoweit "wehren" können, dass sie englisch eben nur in der Öffentlichkeit, nicht aber zu hause sprechen? Tun einige doch. Meine Erfahrungen sind jetzt bestimmt nicht repräsentativ, aber so kenne ich z.B. Anishnabek-Familien aus Wikwemikong (Manitoulin Island, Ontario, Kanada) und auch Navajos aus Arizona, wo es genau so läuft. ... Aber auch da wieder: Das funktioniert nur, wenn es noch genügend Leute gibt, die diese Sprache auch fliessend beherrschen.
Und noch ein Punkt, der durchaus Einfluss auf die Sprachwahl hat: Ich habe absolut keinen blassen Dunst von Türkisch. Trotzdem verstehe ich oft, worüber manche Türken sprechen. Warum? Gerade, wenn es um Computerkram geht, gibt es gar kein passendes türkisches Wort und somit benutzen sie die entsprechenden englischen Worte. DIE verstehe ich auch und kann mir den Rest zusammenreimen. Und genau das gleiche Problem trat auf, als ich bei einer Einladung zum Grillfest einer Anishnabek-Familie die Unterhaltung einer etwa 20-jährigen Frau mit einem älteren Mann mitbekam. Die Frau spricht durchaus gut Anishnabek und trotzdem war sie nicht in der Lage, ihrem Gesprächspartner in dieser Sprache zu vermitteln, was sie sagen wollte. Sie studierte gerade Architektur und lebte in Toronto und der Mann hatte sie gebeten, ihm davon zu berichten ... und ihr fehlten einfach die Worte. Also wechselte sie ins englische ... klingt übrigens echt interessant, wenn der eine in Anishnabek fragt und die andere in englisch antwortet (aber das nur am Rande

)
Ich finde es einfach furchtbar, wenn Nachkommen von Einwanderern fast nur noch Englisch sprechen können.
... ähm ... meinst Du wirklich, die Nachfahren z.B. der vor 400 Jahren nach Amerika eingewanderten Deutschen, die seit dem dann Iren, Schotten, Briten, Franzosen Spanier und von mir aus auch Mongolen geheiratet haben, sollten heute noch in ihrem häuslichen Umfeld deutsch reden? Natürlich bringt es berufliche Vorteile, wenn man mehrere Sprachen beherrscht und kulturelle Vielfalt wird auch durch das Vorhandensein verschiedener Sprachen unterstützt. Aber DAS erreiche ich auch, wenn ich als Deutsche eben mal versuche, Spanisch zu lernen, oder Chinesisch oder von mir aus auch Lakota. DAS sollte dann aber die Entscheidung eines jeden einzelnen sein und nicht zum PFLICHTschulfach hochstilisiert werden. Der eine hat halt linguistische Fähigkeiten, ein anderer ist halt eher Ingenieur, Krankenschwester oder Dachdecker ...
Es ist den Indianern natürlich nicht zu verübeln, daß sie auch ein Stück vom Wohlstandskuchen abbekommen wollen. Genausowenig ist etwas dagegen einzuwenden, wenn man eine Zeitlang woanders leben möchte, um etwas anderes kennenzulernen. Aber es ist vor allen Dingen für kleinere Völker ohne eigenen Staat oft der Anfang vom Ende, wenn die meisten bereitwillig andersstämmige Partner heiraten oder auf Dauer weit weg vom heimatlichen Umkreis niederlassen. Das Gutheißen der hemmungslosen Völkervermischung finde ich genauso deutlich verfehlt wie naziähnliche Sprüche vom reinen Blut und natürlichen Überlegenheit einer Rasse oder eines Volkes.
wie schön, dass Du es niemandem verübelst, EINE ZEITLANG woanders leben zu wollen ... oooommmm ... nein, ich glaube, ich schreibe jetzt besser nicht, was ich denke ...
aber tatsächlich, diese Dinge passieren. Eine Familie, die ich letztlich in New Mexico kennenlernen durfte, wird wohl genau das machen. Sie ist Dine, er Lakota/Dine. Sie lebten zunächst im Reservat, sind dann der besseren Schulbildung der Kinder wegen nach Phoenix, Arizona, gezogen und überlegen jetzt, ob sie nicht wieder zurück ins Reservat ziehen ... und ich wette, sie sind nicht die einzigen. Denn die Indianer haben durchaus erkannt, das räumliche "Flucht" aus der Stammesgemeinschaft diese nicht weiterbringt. Und so gibt es nun einige, die - mit guter Ausbildung im Gepäck - nun ins Reservat zurückkehren, um dort die Stammesgemeinschaft zu unterstützen ... als Zahnärzte, Anwälte, Architekten und was weiss ich nicht alles ... aber was über soooo viele Jahre in der Entwicklung und Entfaltung unterdrückt wurde, ist natürlich nicht von heut auf gestern wieder gleich Vorzeigeobjekt. So was braucht Zeit und soweit ICH das sehen kann, sind die Indianer da - egal welche Nation, sie ALLE sind - auf einem guten Weg. Ganz alleine und ohne Belehrungen und Einmischungen von aussen! Auf ihre ganz spezielle und kulturell einzigartige Art und Weise!
Gruss
Bärbel